Archiv für Februar 2011

Wie sieht das bitte aus, wenn unserer Horizont kaum mehr als der Ablauf der nächsten Party ist? Feiern, eigentlich eher Abgesang als Vorgriff auf ein besseres Morgen. Das Zelebrieren der vereinzelten Individualität und die Inszenierung ihrer Zugrunderichtung in viel zu langen Nächten, sind die Ware der Club- und Feierkultur, zu deren Mikroökonomie auch wir als Tanzflur unseren Beitrag leisten. Zum Distinktionsgewinn für Eure Reproduktion als Partypublikum und uns als DJs und Veranstalter. Ermöglichter Teilausbruch aus unserem bürgerlichen Alltag von Schule, Uni, Arbeitslosigkeit oder Job. Aber wirklich nicht mehr. Eine Politisierung der Kultur findet nicht statt. Und eine Ästhetisierung der Politik schon gar nicht. Reflektiertes Feiern gibt es nicht. Wie cool aber wäre es, wenn die „Indikatoren des Machbaren“ andere wären, wenn statt Feierei die Gestaltung des Übergangs uns erfüllen würde? Wenn das Booking die Planwirtschaft der freien Assoziation wäre? Wenn an der Garderobe statt New Balance und Carhartt die graue Produktionskluft einer kommunistischen Gleichheit in Empfang genommen werden würde? Eine lange, tiefe Nacht ohne Ende, ohne Strobo und Nebel, bis der Hedonismus endlich für jeden möglich wird? Reden und Auseinandersetzung mit Genossen und Nichtgenossen über die alltäglichsten Selbstverständlichkeiten, statt verpeilt und verballert im linken Lifestyle unterwegs?
Erschreckt euch das? Klingt das zu wenig nach der „Ankunft des großen Anderen“ und zu viel nach „Wiederaufführung des gleichen Stücks mit anderen Mitteln“ (Boris Groys)? Aber wer eine bessere Gesellschaft ohne „Staat. Kapital. Nation. Scheisse.“ will, wird hart arbeiten müssen und sicher nicht die Armut der Welt und den dann entfesselten Gegenterror der Weissen alle zwei Monate am zweiten Samstagabend wegprokrastinieren können.
Ein Bild vom Kommunismus haben wir nicht anzubieten, nur dass er die richtige Hypothese ist, angesichts des monströsen Normalvollzugs des gegenwärtigen globalen Kapitalismus. Und dass genau um diesen Begriff herum, sich die globale Linke neu konstituieren muss, will sie sich nicht in Marktökonomie und parlamentarischer Demokratie verlieren. Ein Ferienkommunismus aus Adornolesekreis mit danach kollektivem Koksen und Kotzen wird es leider aber sicher nicht. Eher schon ganz oldschoolmäßig: Verteilungsfragen, Enteignung, Ökologie, politisches Handeln voller Verantwortung, Widersprüche, schrecklichen Fehlern, moralischer Deformation. Eine Gesellschaft ohne Lohnarbeit wird nicht durch Regression sondern nur als Erreichen eines neuen Entwicklungstandes des jetzt Bestehenden möglich sein. Kurz: Ernsthaftigkeit steht bevor, vor der wir alle jetzt noch so gerne in die Nächte fliehen können, weil selbst die Frage, auf die der Kommunismus die Antwort sein wird, so offen noch gar nicht gestellt ist.

Bis dahin findet ein Ende der Feierei wahrscheinlich nicht statt.

tanzflur (salon des communistes düsseldorf & friends)
februar 2011

p.s.: die nächste tanzflur findet am 12. märz wie immer im az mülheim statt